Kunst-Kampagne

Es gibt ganz sicher leichtere und auf den ersten Blick vordergründigere Aufgaben, als im aktuell von Sparzwängen, Kriegen, Anschlägen, Umweltkatastrophen und einer zunehmend von Existenzangst geprägten Umwelt und Gesellschaft über den Wert der Kunst und deren Funktion als bildendes und kommunikatives Instrument mit eigenen Regeln zu debattieren. Doch vor allem in schwierigen Zeiten ist genau das wichtig. Denn die fehlende Auseinandersetzung mit der eigenen Realität und Gegenwart, der durch eben diese fehlenden zeitgenössischen Elemente im Stadtbild und dem alltäglichen Leben eintritt, bedeutet für jede Gesellschaft letztlich Stillstand.
Stillstand in der Kunst ist mit Stillstand der kulturellen Entwicklung gleichzusetzen. Weil das so ist, geht für eine Stadt mit der Geschichte wie Dresden nicht nur das wertvolle Ringen um Neues und die Attraktivität der Gegenwart verloren, auch ein Bruch mit der eigenen Identität und Tradition muss zwangsläufig stattfinden.
Das bereits fortgeschrittene Stadium dieses in Dresden anzutreffenden Prozesses hat nicht nur bei Dresdner Spuren hinterlassen, auch Besucher bemerken oftmals den spür- und sichtbaren Abriß zwischen der erlebbaren Kultur und der Geschichte dieser Stadt.

Es könnte auch  als Entschuldigung gewertet werden, dass es ausgerechnet den Dresdnern als Teil des Stadtgebildes Dresden nicht möglich ist, sich oder das Ganze zu beurteilen und daher nicht in der lage sind, diese Diskrepanzen nicht wahrnehmen zu können.

Um so mehr sollten Dresdner daher auf Meinungen von außen hören und diese auch ernst nehmen, statt diese bei Missfallen zu ignorieren oder zu diskreditieren. Die Stadt Dresden befindet sich wie kaum eine andere Kommune in glänzenden Rahmenbedingungen wieder, wir leiden keinen Hunger und keine Not - wir müssen und können es uns daher leisten Energie und Aufmerksamkeit darauf zu verwenden, was die zunehmende Anzahl an Stimmen mit ihren Beschreibungen der Stadt meinen mag.

Ein Blick auf die Möglichkeiten, unter denen Kunst im Dresden von heute zu arbeiten gezwungen ist, kann zum Beispiel dabei helfen, mehr Verständnis für die damit verbundenen Probleme der Kunst und der hier ansässigen Künstlerinnen und Künstler herbeizuführen.

Großes Potenzial für schnelle und wirkungsvolle Maßnahmen zur Verbesserung der Bedingungen für Künstlerinnen und Künstlern gibt es vor allem im Umgang der Verwaltung mit den von ihr treuhänderisch anvertrauten Möglichkeiten.
Denn in Dresden kann keinesfalls glaubhaft von einer offenen Zusammenarbeit auf gleicher Augenhöhe zwischen der Stadtverwaltung und der zeitgenössischen Kunst oder von einer gern geleisteten Unterstützung der Kunst die Rede sein. Das inzwischen erreichte Maß an Unverständnis und die inzwischen alltäglich angewandten und verinnerlichten Sichtweisen verhindern dabei nicht nur zahlreiche Projekte, sie verhindern auch die Weiterentwicklung ihrer selbst und das Zusammenleben, die Kultur ihrer Bewohner. Statt selbstkritisch und aufgeklärt auf Provokationen oder Anregungen zu reagieren und diese Form der Kommunikation anzunehmen, werden künstlerische Aktionen meist von vornherein verurteilt und oftmaös verhindert und damit zerstört.

Der Freiraum, in dem sich Kunst innerhalb einer Kultur bewegen darf, zeigt exakt deren Grenzen und die des Toleranzverständnisses der darin lebenden Menschen – diese Grenzen liegen manchmal sehr nah bei einander.

Dass Kunst unter diesen Bedingungen nur schwer an Selbstbewusstsein und Stärke gewinnen kann, erscheint logisch. Will Dresden Kunst und Künstlerinnen und Künstler fördern, muss es daher zu allererst bereit und in der Lage sein, die eigenen Sichtweisen in Frage zu stellen und andere zulassen. Denn Erfolg in der Kunst hängt nicht allein vom Talent und Willen seines Erschaffers ab. Ganz wesentlich ist auch die Bereitschaft anderer, künstlerische Arbeiten verstehen zu wollen und diese angemessen zu würdigen. Und genau hierin liegt ein großes Problem, denn nur wenige schätzen die Kunst der Gegenwart und ihre Vertreter.
Mehr Verständnis dafür mittels sichtbaren und unsichtbaren Diskussions-, Aufklärungs- und Kooperationsarbeit zu erreichen, ist Inhalt einer laufenden, vielschichtigen und anspruchsvollen Kampagne.

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